Bosnien und Herzegowina lebt zu sehr in statt mit seiner Vergangenheit

Botschafterin Hohmann Bild vergrößern Botschafterin Hohmann (© Deutsche Botschaft)

  -Sie befinden sich nicht so lange auf der Funktion der Botschafterin von Bundesrepublik Deutschland. Was können Sie nach dieser relativ kurzen Zeit über BiH sagen?

Mein erster Eindruck war, dass Bosnien und Herzegowina sehr viel zu bieten hat: Gastfreundliche Menschen, atemberaubende Natur und ein reiches kulturelles Erbe – egal, in welchem Teil des Landes man sich befindet. Angefangen bei den römischen Ausgrabungen  in Skelani über die einmaligen Fresken in der Miscina Moschee in Sarajewo bis hin zu den Weinbergen der Herzegowina - man kann deutlich die verschiedensten Einflüsse auf dieses Land über die Jahrtausende sehen, die sich hier zu einem ganz besonderen und faszinierenden Ganzen zusammenfügen.

Mein zweiter Eindruck: Bosnien und Herzegowina ist ein Land, das es seinen Bürgern nicht leicht macht im täglichen Leben. Hohe Arbeitslosigkeit, grassierende Korruption und Vetternwirtschaft, politisch-ethnische Spannungen – dies sind Gründe, die in den letzten Jahren zehntausende Menschen dazu gebracht haben, dieses Land zu verlassen.

Und noch ein dritter Eindruck: Bosnien und Herzegowina lebt zu sehr –in- statt –mit- seiner Vergangenheit. Das Ziel der Mitgliedschaft in der Europäischen Union und der NATO bietet die Möglichkeit, klare Perspektiven für künftige Generationen zu schaffen. Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit in Bosnien und Herzegowina sind elementarer Bestandteil der Seele dieses Landes, aber sie dürfen nicht zum lähmenden Faktor im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformprozess werden.

-Wie sehr belastet die politische Krise im Lande die EU-Perspektive von BiH?

Die vielfältigen Krisen kosten Zeit und Kraft, die Bosnien und Herzegowina nicht hat. Dies geht insbesondere zu Lasten der Menschen hier im Land: Sie haben ein besseres Leben verdient! Die Politiker dürfen nicht länger mit vermeidbaren Krisen von den für das Land und die Bürger so wichtigen Zielen ablenken.

Bosnien und Herzegowina hat sich selbst eine ambitionierte Reformagenda gegeben und sich das Ziel der NATO- und EU-Mitgliedschaft gesetzt: Das Land muss seine Kräfte bündeln, um diesen nicht immer einfachen Weg zu gehen. Die EU, Deutschland und die Internationale Gemeinschaft werden Bosnien und Herzegowina weiter nach Kräften zur Seite stehen. Eines ist aber klar: Bei aller Unterstützung, Bosnien und Herzegowina muss diesen Prozess selbst gehen. Und es braucht - alle - Politiker und die gesamte Gesellschaft in Bosnien und Herzegowina, um diese Transformation erfolgreich zu durchlaufen.

-Die Bundesregierung hat sich neulich schriftlich geäußert –in der Antwort an die  Bundestagmitglieder-, dass sie direkte Kommunikation zu serbischen Politkern in Bezug auf das Referendum hatte. Was denken Sie darüber?

Die Bundesregierung hat ganz klar die Missachtung der Autorität des Verfassungsgerichts verurteilt. Gemeinsam mit fünf anderen diplomatischen Vertretungen hat die Deutsche Botschaft den Präsidenten der RS Anfang September 2016 dazu gedrängt, das Referendum nicht abzuhalten. Ich selbst habe ebenfalls Herrn Dodik in einem persönlichen Gespräch aufgefordert, von dem Referendum Abstand zu nehmen.

-Bundesrepublik Deutschland ist politisch aber auch wirtschaftlich betrachtet vielleicht das wichtigste EU-Partnerland von BiH. Die Aufmerksamkeit von Bundesregierung wenn es um BIH, aber auch Balkan geht, ist zurzeit sehr groß. Können Sie dazu eine Stellung nehmen?

Das ist richtig. Die gute Zusammenarbeit unserer beiden Länder ist über Jahrzehnte gewachsen. Während des Krieges fanden Hundertausende Bosnier und Herzegowiner in Deutschland Zuflucht. Die Bundesregierung hat für Aufbau und Entwicklung in Bosnien und Herzegowina bislang rund eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt und gehört damit zu den wichtigsten bilateralen Partnern.

Auch politisch begleitet Deutschland Ihr Land bereits seit Jahren mit großer Aufmerksamkeit und unterstützt den Prozess der EU-Annäherung: 2014 hat Deutschland zusammen mit Großbritannien die Neuausrichtung der EU gegenüber Bosnien und Herzegowina angestoßen, und damit die Annäherung an die EU wieder in Gang gebracht. Auf der Westbalkankonferenz 2014 in Berlin sagte der heutige Außenminister Sigmar Gabriel: „Die Zukunft des Balkans liegt in Europa.“  Dieser Satz ist nach wie vor uneingeschränkt gültig.

Auch Bundeskanzlerin Merkel betonte beim Europäischen Rat im März, dass es wichtig ist, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Wohlstand zu fördern, um langfristige Stabilität und gutnachbarschaftliche Beziehungen auf dem Westbalkan zu erreichen. Die regionale Zusammenarbeit im Rahmen des von Deutschland initiierten Berlin-Prozesses bietet enormes Potential, um die Region und auch Bosnien und Herzegowina besser auf den EU-Beitritt vorzubereiten.

Im Gegenzug erwartet die Bundesregierung mehr regionales und nationales Engagement von Bosnien und Herzegowina. Die jüngsten politischen Krisen in Bosnien und Herzegowina können auch als Versuche gesehen werden, die Umsetzung dieses – im Rahmen der Reformagenda versprochenen – echten und nachhaltigen Engagements zu hemmen.  Der vergangenheitsorientierte, häufig kompromisslos geführte politische Diskurs in diesem Land betont die Unterschiede. Mit der Vergangenheit zu leben heißt hingegen, die Gemeinsamkeiten zu betonen und Kompromisse einzugehen. Besonders die politisch Verantwortlichen, egal ob auf lokaler, kantonaler, Entitäts- oder nationaler Ebene – sie alle müssen zusammenarbeiten, um das Land und die EU-Annäherung voranzutreiben!

-Wo sehen Sie Potential für noch bessere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen BiH und Deutschland?

Deutschland ist mit einem Handelsvolumen von nahezu 1,8 Milliarden Euro bereits wichtigster bilateraler Handelspartner dieses Landes. Es gibt in Bosnien und Herzegowina etwa 250 Unternehmen mit deutschem Kapital. Und es gibt noch viel Spielraum nach oben, denn das Interesse der deutschen Wirtschaft am Land ist ja da! Größtes Hindernis bei Investitionen sind die politische Instabilität und die überbordende Bürokratie. Dies hat auch eine jüngst vorgestellte Untersuchung des deutsch-bosnisch-herzegowinischen Wirtschaftsvereins wieder belegt. Bosnien und Herzegowina hätte ein riesiges Potential für deutsche und andere ausländische Investitionen. Aber welcher Investor wählt ein Land, in dem sowohl Regierung als auch Parlament zu zerstritten sind, um ihre Aufgaben wahrzunehmen und wirtschaftspolitisch zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen? Ich möchte gerne mit einer guten Nachricht aus dem Bereich der Wirtschaft enden: Vorletzte Woche war ich bei der Einweihung eines Ausbildungszentrums für Robotik in Tuzla, das mit deutscher öffentlicher und privater Unterstützung eingerichtet wurde. Dort machen junge Menschen aus der gesamten Region Westbalkan eine hochqualifizierende Ausbildung - unter echten industriellen Bedingungen. Ich hoffe sehr, dass von diesem Hochtechnologie-Standort ein Impuls für eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit von Bosnien und Herzegowina ausgeht.

Interview geführt von: Amil Dučić, Journalist

Interview veröffentlicht in Dnevni avaz, 07.04.2017.