Namensartikel von Botschafter Joachim Schmidt
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Botschafter Joachim Schmidt
(© dpa-Report)
In der mehr als 60 jährigen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gibt es wohl kein anderes Datum, das mit der gleichen Berechtigung epochale Bedeutung beanspruchen kann wie der 9. November 1989, als sich - heute vor 20 Jahren - die Berliner Mauer öffnete.
Man hatte schon im Verlauf des Herbstes 1989 spüren können, daß Veränderungen, ja Umwälzungen in der Luft lagen. Tausende DDR-Bürger hatten versucht, durch Flucht in westdeutsche Botschaften überall in Osteuropa ihre Ausreise in die Bundesrepublik zu bewirken. Die Feier des 40. Jahrestags der Gründung der DDR am 7. Oktober 1989 war von vielen als Fanal eines Staats empfunden worden, der sich politisch, sozial und auch wirtschaftlich überlebt hatte, der von einer verkrusteten Politriege als ein System betrieben wurde, das seinen Bürgern noch kleinste Freiheiten mißgönnte und sie wie in einem Gefängnis in ihrem Lande einsperrte. Bürgerrechtsbewegungen hatten schon vorher, besonders aber nach dem von der Führung mit allem Pomp gefeierten Jubiläum starken Zulauf und demonstrierten in großer Zahl überall in der DDR friedlich für einen demokratischen Wandel.
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Montagsdemo am 09.10.1989 in Leipzig
(© dpa-Report)
Diese Entwicklungen wurden in der Bundesrepublik Deutschland und weit darüber hinaus geradezu atemlos verfolgt. Wirkliche Reformen unter einem bisher autoritär-diktatorischen Regime schienen nunmehr nicht mehr ausgeschlossen; sie waren ja auch das erklärte Ziel der vielen Bürgerrechtler, die sich mit großem persönlichen Mut und unbeirrbar gewaltfrei in vielen Gruppen überall in der DDR engagierten. Sie hatten immerhin erreicht, daß die bisherige Führung durch Politiker abgelöst wurde, die zumindest eines begriffen hatten: die Menschen in der DDR würden sich nicht mit kosmetischen Maßnahmen zufriedengeben, sondern erwarteten wirkliche, tiefgreifende Reformen.
Die Ereignisse des 9. November 1989 wurden dann durch einen eher beiläufig hingeworfenen Satz eines DDR-Offiziellen ausgelöst, der während einer landesweit übertragenen Pressekonferenz zum Erstaunen vieler erklärte, die Erlaubnis für alle DDR-Bürger zum Grenzübertritt gelte sofort, und zwar ohne vorher zu gewährendes Ausreisevisum. Zehntausende machten sich daraufhin unverzüglich auf, um diese Zusage an den wenigen Übergängen vom Ost- in den Westteil der Stadt auf ihre Gültigkeit zu überprüfen. Ein solcher Massenansturm war wohl von niemandem erwartet worden. Einen atemlosen Moment lang war auch durchaus nicht sicher, ob die Sache friedlich ablaufen würde – der Schießbefehl für DDR-Grenzsoldaten war schließlich noch nicht aufgehoben worden. Aber es ging alles gut: wer hätte nicht fasziniert die Bilder Tausender fröhlich an, über und im wahrsten Sinne des Wortes durch die Mauer strebender Ostdeutscher gesehen, die ihre Führung einfach einmal beim Wort nahmen und eine Grenze überschritten, die sie 28 lange Jahre von Freunden, von Verwandten und von der Freiheit getrennt hatte?
Seit diesem Tag war nichts mehr so wie vorher. Die Mauer, die seit dem 13. August 1961 Berlin in zwei Teile geteilt und zum schmerzlichen Sinnbild der Trennung von Ost und West geworden war, hatte nicht nur Risse bekommen, sie wurde buchstäblich weggeklopft: schon bald nach dem 9. November konnte man überall an ihrem Verlauf Menschen sehen, die ihr mit Hämmern und Meißeln zu Leibe rückten und sie einfach Stückchen für Stückchen entfernten. Je weniger von ihr zu sehen war, desto drängender stellten sich die Menschen die Frage, was sie nun mit der wiedergewonnenen Freiheit und mit ihrem Staat anfangen sollten.
Das Ergebnis ihrer Überlegungen ist bekannt: am 3. Oktober 2010 wird Deutschland den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung feiern. Bis dahin war es am 9. November 1989 noch ein langer Weg. Hoffnungen auf eine sanfte Reform des ostdeutschen Staates hin zu einem freiheitlicheren, gerechteren System, die man sich vornehmlich in der Bürgerrechtsbewegung gemacht hatte, wurden von den Ereignissen geradezu überrollt. Der Slogan "wir sind ein Volk", der schon bald Kundgebungen beherrschte, machte unmissverständlich klar, dass die Menschen keine reformierte DDR, sondern ein einiges Deutschland wollten.
Die Ereignisse jener Tage trafen gleichwohl nicht sofort und auch nicht überall auf uneingeschränkte Begeisterung. Den politisch Verantwortlichen war dies wohl bewusst; sie haben sehr wohl gespürt, dass ihnen aus der schuldhaften Verstrickung ihrer Eltern und Großeltern in Nationalsozialismus, Weltkrieg und Holocaust der historische Auftrag erwächst, Deutschland nie wieder zu einer Bedrohung für den Frieden in Europa und der Welt werden zu lassen. Überzeugungsarbeit bei unseren Partnern in Europa und der Welt war zu leisten, um sie gewiss werden zu lassen, dass es einem wiedervereinigten Deutschland Ernst sein würde mit diesem Vorsatz. Dass dies gelang, hat einen Grund unzweifelhaft auch darin, dass die Revolution vom November 1989 eine friedliche war und dass die Mauer fiel, weil Hunderttausende gewaltloser Demonstranten sie mit der Macht ihrer Argumente zum Einsturz brachten.
Die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 hat die Vollendung der Einheit Deutschlands in Freiheit in Gang gesetzt. Die Umwälzungen in anderen Staaten Osteuropas zur gleichen Zeit bereiteten den Grund für die Überwindung der Teilung Europas durch die mittlerweile vollzogene Osterweiterung der Europäischen Union - und ihre hoffentlich bald nachfolgende Südosterweiterung.
Die Berliner Mauer, die sich vor zwanzig Jahren öffnete, bestand aus Beton und war für jedermann sichtbar. Sie fiel am Ende auch deshalb, weil sie von den Bürgern nicht als Grenze des Denkens akzeptiert wurde.
In Bosnien und Herzegowina müssen die unsichtbaren Mauern in den Köpfen überwunden werden, um Europareife unter Beweis zu stellen. Deutschland wird dies als Freund begleiten. So wie in Osteuropa am Ende des Kalten Krieges, muss aber auch in Bosnien und Herzegowina der Anstoß zur Veränderung zuerst von innen kommen.
Botschafter Joachim Schmidt
Sarajewo, 09. November 2009
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Die Trabis rollen
(© pricture-alliance/dpa)