1
00:00:08,741 --> 00:00:12,708
Was wir sehen, ist das
Bild eines Versagens -

2
00:00:13,490 --> 00:00:16,969
von militärischen und politischen
Eliten, aber auch von Diplomatie.

3
00:00:19,766 --> 00:00:25,276
Gerade ihre Aufgabe wäre es doch gewesen,
das gegenseitige Misstrauen abzubauen.

4
00:00:25,670 --> 00:00:30,772
Nüchtern Alternativen abzuwägen,
um Kompromisse auszuloten.

5
00:00:31,636 --> 00:00:37,367
Dazu aber fehlten ihr weniger die
Werkzeuge als vielmehr der Wille.

6
00:00:38,381 --> 00:00:47,316
Die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" war eine
„man-made", von Menschen gemachte, Katastrophe.

7
00:00:50,430 --> 00:00:55,600
Die Diplomatie hatte sicherlich eine
Chance bis in den späten Juli 1914 hinein.

8
00:00:58,788 --> 00:01:09,120
Aber dann bekamen die Generäle das Wort, und
damit hatten die Diplomaten zu schweigen.

9
00:01:10,233 --> 00:01:13,533
Diese Alternativlosigkeit
des militärischen Denkens,

10
00:01:13,779 --> 00:01:15,361
die man nicht nur in
Deutschland findet,

11
00:01:18,894 --> 00:01:21,900
die von der Diplomatie eben nur bis
dahin gerade mal so zu bändigen war

12
00:01:22,165 --> 00:01:25,472
und 1914 dann aus sehr komplexen
Gründen nicht mehr gebändigt wurde,

13
00:01:25,696 --> 00:01:27,937
das ist ein entscheidender
Grund würde ich sagen

14
00:01:28,161 --> 00:01:31,799
für diesen Weg in diese
"Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts".

15
00:01:35,211 --> 00:01:37,616
Alle jungen Männer wollten in den Krieg.

16
00:01:39,942 --> 00:01:41,942
Es gibt diese berühmten
Bilder ganz am Anfang.

17
00:01:42,121 --> 00:01:44,493
Das ist etwas, was heute
absolut unvorstellbar ist.

18
00:01:44,689 --> 00:01:46,106
So dachten eben alle, man
müsse jetzt schnell handeln

19
00:01:49,563 --> 00:01:51,702
und hat vielfach
Erwartungen und Dinge,

20
00:01:51,983 --> 00:01:58,324
die man sogar antizipiert hat, dass es ein
langer und sehr verlustreicher Krieg würde,

21
00:01:58,667 --> 00:02:02,066
in den Wind geschlagen. Auch
weil man natürlich dachte,

22
00:02:02,398 --> 00:02:05,797
die Dinge seien in irgendeiner
Form doch beherrschbar.

23
00:02:08,187 --> 00:02:13,881
Es reicht nicht, unser heutiges
geeintes Europa als gelungene Lehre

24
00:02:14,316 --> 00:02:17,332
aus dem Drama der
Weltkriege zu betrachten

25
00:02:17,685 --> 00:02:23,127
und sich anschließend selbstzufrieden
im Sessel zurückzulehnen.

26
00:02:23,751 --> 00:02:29,337
Die Offenheit der Zukunft scheint
uns heute stärker zu belasten,

27
00:02:29,798 --> 00:02:32,566
weil wir nicht so viele
Orientierungsmarken haben.

28
00:02:33,026 --> 00:02:36,253
Umso wichtiger ist daher
auch in der Tat Geschichte.

29
00:02:36,658 --> 00:02:41,518
Was wir noch daraus lernen können ist,
dass man Institutionen braucht,

30
00:02:41,879 --> 00:02:46,115
die dieses Vertrauen jenseits
der persönlichen Verhältnisse

31
00:02:46,465 --> 00:02:49,479
von politischen Akteuren
zueinander festigen.

32
00:02:50,564 --> 00:02:56,549
Meine Damen und Herren, Europa mag
die Dämonen von 1914 gebannt haben.

33
00:02:57,221 --> 00:03:01,771
Ein für allemal
eingeschlossen sind sie nicht.

34
00:03:02,142 --> 00:03:05,974
Und deshalb ist es unsere Verantwortung,
dass wir die richtigen Lehren,

35
00:03:06,487 --> 00:03:10,999
die wir gezogen haben,
erhalten, weitertragen,

36
00:03:11,417 --> 00:03:15,817
auch sich der Rückabwicklung von
Integration entgegenzustellen

37
00:03:16,126 --> 00:03:20,760
und die Geschichte der europäischen
Integration weiterzuschreiben.

38
00:03:21,130 --> 00:03:24,797
Und es heißt konkret, wieder
Begeisterung zu wecken

39
00:03:25,144 --> 00:03:31,565
für die europäische Idee der Versöhnung
und der Völkerverständigung.